Nebeneinander aneinander vorbei.

Von Valentina Jordan

Es ist Frühling, zumindest hat Google das heute behauptet. Trotzdem ist es kühl und die Luft riecht schon wieder nach Winter. Das Wetter kennt keine Kalender. Keine Kalender, keine Termine und Verpflichtungen. Es sind die Menschen, die einen Terminkalender haben, Menschen, die irgendwelchen Verpflichtungen nachjagen, die sich in die Erwartungen anderer zwängen und in zu enge Jeans.

All das geht ihr durch den Kopf, während sie auf den Bus wartet. Es dämmert und die kühle Abendluft kriecht unter ihre dünne Jacke. Sie fröstelt. Es ist nicht nur die Jeans, die ihr zu eng ist. Es ist alles zu eng, zu dicht zu laut. Früher, da gab es das noch. Da gab es den Alltag und das Chaos. Heute, heute ist das Chaos Alltag geworden. Immer wieder redet sie es sich ein; Nur noch diese Woche, dann wird es leichter, nur noch dieser Monat dann wird es besser, nur noch dieses Jahr und dann hat sie endlich wieder einmal Zeit! Zeit, aber wofür eigentlich? Je länger man in zu engen Jeans herumläuft, umso schwerer wird es, sie wieder auszuziehen. Man gewöhnt sich an den Druck, gewöhnt sich an die Enge, gewöhnt sich daran, kaum atmen zu können, und wer weiss, vielleicht ist da unten schon lange keine Haut mehr. Vielleicht ist der Körper schon lange mit dem Stoff verwachsen.

Eine andere Gestalt tritt ins Licht der Strassenlaterne, schwer atmend und erleichtert den Bus nicht verpasst zu haben. In seinem Kopf befindet sich momentan nur ein Gedanke. Eigentlich ist es nicht einmal ein Gedanke, es ist ein Gefühl, eine Motivation, es ist….

… Hunger. Hunger, und dass schon seit Stunden, weil er sein Essen zuhause vergessen hat. Er hat schon so lange Hunger, dass sein Magen gar nicht mehr knurrt, weil das Vakuum in seinem Bauch die Magenwände aneinandergeklebt hat. Das einzige, was ihn noch aufrecht stehen lässt, das, was ihn durch diesen Tag gebracht, und ihm bis jetzt Hoffnung geschenkt hat, ist nicht mehr als ein Gedanke, aber ein Gedanke so schön und so warm, dass er es in seinen Zehenspitzen fühlt:

„Pizza“, denkt er. Zuhause gibt es noch Pizza von gestern. Pizza mit Salami und Käse. Richtiger Käse, kein Mozarella. Und richtige Salami, nicht das Vegi-Zeug von seinem Mitbewohner. Shit. Der Mitbewohner. Der ist doch nur Vegi wegen seiner Freundin. Und das auch erst seit 3 Wochen. Was, wenn der den Kühlschrank öffnet und dann die Pizza sieht. Pizza mit richtigem Käse und richtiger Salami. Nicht einmal ein echter Veganer könnte da widerstehen, wie sollte es sein Mitbewohner können? Sein Mitbewohner, der eine Chips-Packung (egal wie gross) immer ganz isst, weil er nicht aufhören kann. Sein Mitbewohner, der so wenig Impulskontrolle besitzt, dass er fast ein Arztzeugnis für seine Netflix-Sucht bekommen hätte. Angst wächst in seinem Bauch und knotet die Magenwände noch fester zusammen. Nervös blickt er erst auf seine Uhr und dann auf die Busanzeige. 5 min Verspätung.

„Verspätung“, denkt auch sie. Ihr ganzes Leben kommt sie immer zu spät. Ihr ganzes Leben lang rennt sie schon, in der Hoffnung endlich an ein Ziel zu gelangen. In der Hoffnung irgendwann anzukommen. In der Hoffnung, dass es irgendwann genug ist und sie endlich einmal zufrieden sein kann. Aber es ist nie genug. Da ist immer jemand, der sich mit mehr Büchern weiterbildet, immer noch jemand, der mehr gesunde Snacks und Fitnessroutinen macht, immer jemand, der mehr Spass mit seinen Freunden hat als sie. Und da steht sie, sie, die alles erreichen könnte, wenn sie nur wollte und ist überfordert, weil sie nicht weiss, ob sie sich zuerst besaufen und feiern oder eine neue Yogamatte kaufen soll, ob sie sich auf ihre Karriere konzentrieren oder eine Weltreise machen muss, ob sie sich erst selbst finden oder so viele Leute wie möglich kennenlernen soll, und so rennt sie einfach, rennt in alle Richtungen gleichzeitig und wundert sich, warum es sie zerreisst…

…es zerreisst ihn. Es zerreisst ihn vor Hunger und Angst. «Meine Pizza», ist alles, was er noch denken kann. Wie kann etwas, was gerade noch so zum Greifen nahe schien, plötzlich wieder so weit entfernt sein? Den ganzen Tag hat er sich auf diese Pizza gefreut und keine Sekunde ist ihm in den Sinn gekommen, dass dieser Wunsch unter so grosser Gefahr steht, dass er an einem dünnen Faden hängt…

…»an einem dünnen Faden», denkt sie. Es hängt alles an einem ganz dünnen Faden. Sie ist hineingeboren in eine Gesellschaft der unbegrenzten Möglichkeiten, in der man alles haben, alles erleben und alles werden kann. Und wenn sie nicht alles hat, alles erlebt und alles wird, dann ist es ganz allein ihre Schuld. Sie ist allein verantwortlich für ihr Glück. Aber was, wenn man zum glücklich werden keine Kraft mehr hat…

… er hat keine Kraft mehr. Die Ungewissheit macht ihn wahnsinnig. «Lieber, lieber Gott», betet er inbrünstig, «wenn du wirklich irgendwo dort oben bist, dann bitte, bitte mach, dass meine Pizza nicht gegessen wird. Bitte erfülle mir diesen Wunsch. Ich verspreche dir auch, den Abfall zu trennen, ich verspreche dir, ein besserer Mensch zu werden!»

«Mensch sein», denkt sie. Was bedeutet es eigentlich Mensch zu sein? Bedeutet das nicht, zu scheitern? Gehört das nicht dazu? Weshalb hat sie dann so grosse Angst davor?

«Warum mache ich mir eigentlich solche Sorgen?», versucht er sich zu beruhigen. Bestimmt ist sein Mitbewohner noch gar nicht zuhause. Oder er hat schon gegessen. Oder er ist wirklich überzeugter Veganer. «Ach scheisse», flucht er in Gedanken, «wem mache ich hier eigentlich etwas vor, meine Pizza ist verloren.»

«Verloren.» Eigentlich hat sie schon verloren. Schon von Anfang an. Niemand kann alles haben. Aber wir sind umgeben von Netflix-Filmen und Instagram-Posts, die uns das Gegenteil beweisen wollen. Dass es sie gibt, diese Menschen, die alles haben. Und dass wir uns einfach nicht genug anstrengen. Dabei braucht es doch gar nicht alles, um glücklich zu sein…

…er braucht doch gar nicht so viel, um glücklich zu sein. Er will doch nur seine Pizza. Seine Pizza mit echtem Käse und echter Salami…

… echt sein. Das will sie. Sie will echt sein. Sie will ehrlich sein mit sich selbst und ehrlich sein mit anderen…

Und dann, plötzlich, heben sie ihre Köpfe und ihre Blicke treffen sich.

Erstaunt und überrascht erkennt sie in seinen Augen ihre eigene Verzweiflung, sieht ihre Ängste in seinen Zügen widergespiegelt. Und er, er erkennt in ihrer Haltung seinen Hunger, fühlt mit ihr das Vakuum im Bauch.

Und so stehen sie da und blicken sich an.

Der Augenblick weitet sich aus zur Millisekunde,

die Millisekunden werden zu Sekunden

und Sekunden des Anstarrens

werden schliesslich unangenehm.

Peinlich berührt, reissen sie sich voneinander los und blicken verschämt auf ihre Füsse.

Der Bus kommt und erleichtert steigen beide ein. Er setzt sich bewusst nach hinten, sie quetscht sich durch nach vorne.

Über ihnen ist derselbe Himmel nun ganz dunkel geworden und in Ihnen breitet sich dasselbe warme Gefühl aus.

Es ist das Gefühl, nicht allein zu sein.

Bild: Valentina Jordan

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