Wem gehört was?

Kulturelle Aneignung und deren Folgen

Immer wieder werden Designer und Künstler beschuldigt, sich bei ihren Design an anderen Kulturen bedient zu haben. Symbole und Muster anderer Kulturen werden für Kleidungsdesigns verwendet, Religiöse Abbildnisse werden als Marketingstrategie verwendet und traditionell gefertigte Schmuckstücke billig in grossen Mengen nachproduziert und günstig verkauft. All das sind Beispiele von kultureller Aneignung. Doch so einfach ist es nicht. Kann einer Kultur etwas genommen werden und was ist eigentlich kulturelle Aneignung? Von Sarah Sauter

Im November letzten Jahres machte die französische Designerin Isabel Marant Schlagzeilen. Nach einem Vorwurf der kulturellen Aneignung, ausgesprochen von der mexikanischen Kulturministerin Alejandra Frausto Guerrero, muss sich die Designerin bei der Purépecha- Gemeinschaft und Mexico entschuldigen. Frausto hatte der Designerin vorgeworfen in ihrer „Étoile Isabel Marant- Kollektion“ für den Herbst 2020 „Elemente der Kultur und Identität der Völker und Gemeinschaften Mexicos“ zu verwenden. Das Gabin Cape würde auf Muster und Designs indigener mexikanischer Gemeinschaften wie der Purépecha aus Michoacàn zurückgreifen.  Die Kulturministerin kritisiert weiter, dass die Modebranche häufig bei ihren Entwürfen auf verschiedene Gemeinschaften und Traditionen zurückgreift und es dabei versäumt die Gemeinschaft, von der sie sich bedient haben bzw. von der sie inspiriert wurden miteinzubeziehen und dadurch den Schöpfern/innen etwas zurückzugeben (1). Dieser Vorfall ist in der Debatte der kulturellen Aneignung kein Einzelfall. 

Abb. 1 Isabel Marant Etoile (1)

Was ist kulturelle Aneignung? 

Die Online Ausgabe des Oxford Wörterbuchs erklärt den Begriff der „cultural appropriation“ wie folgt: „A term used to describe the taking over of creative or artistic forms, themes, or practices by one cultural group from another. It is in general used to describe Western appropriations of non‐Western or non‐white forms, and carries connotations of exploitation and dominance.” (2) Der Begriff der kulturellen Aneignung wird heutzutage gerne als Instrument der Kritik verwendet. So einfach ist die Sache jedoch nicht.

Kann einer Kultur etwas genommen werden? 

Der Philosophie Professor Dr. Emil Angehrn beschreibt in seinem Artikel „Kultur- Begriff und Funktion“ Kultur als ein „soziales Produkt, eine Hervorbringung der Gesellschaft“. Laut Angehrn ist Kultur „veränderlich, kontingent, eine unter anderen“. (4) Das, was wir als diese und jene Kultur sehen, kann nur als Momentaufnahme ebendieser gesehen werden. Kultur kann als ein „pausenloses Gewusel, eine unausgesetzte Umwandlung und Durchmischung, ein Verschwinden und Auftauchen“ gesehen werden. Sie ist eine ununterbrochene Verarbeitung von Einflüssen und Selbstveränderung. Vor diesem Hintergrund können zahlreiche Beispiele für kulturelle Aneignung in unser aller Alltag gefunden werden. Der Kreuzkümmel-Falaffel, oder die norddeutschen Köche, welche böhmische Knödel zubereiten oder die Berlinerin, die im Dirndl aufs Oktoberfest geht.

Die kulturelle Aneignung an sich, als ein abstraktes Phänomen, kann demnach so einfach nicht in der Kritik stehen. Ist sie jedoch mit einer bestimmten Ungleichheit verwoben, sieht die Sache schon ein wenig anders aus. Häufig ist kulturelle Aneignung dann mit einem Machtungleichgewicht verbunden, in dem eine dominante Gruppe sich einer marginalisierten Gruppe bedient. (5) Der Schaden, der dabei angerichtet wird, ist in vielen Fällen ein moralischer und symbolischer und aus diesem Grund nur schwer zu bestimmen. Wird beispielsweise ein Abbild Buddhas auf eine Yogamatte gedruckt, wird Buddha im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Gesicht herumgetrampelt. Hier entsteht zwar kein direkter Verlust, der moralische und symbolische Schaden sollte jedoch klar ersichtlich sein. Zum Vergleich: kein/e Christ/in würde sich ein Abbild von Jesus auf ihren/seinen Teppich drucken lassen. 

Neben den moralischen und symbolischen Schäden, die dabei verursacht werden, gibt es jedoch auch Beispiele, bei denen wirtschaftliche und monetäre Bedenken ebenfalls eine Rolle spielen. Vermehrt treten solche Vorfälle in der Mode-/ Designbranche auf. Wenn beispielsweise „Stammes“-Drucke oder Nachbildungen indigener Designs in der westlichen Welt zum neusten Modetrend werden, warum haben die Stämme und Gemeinschaften nicht das Recht auf geistiges Eigentum? Sie haben das Design schließlich erfunden. Das Markenzeichen von Christian Louboutins Schuhen sind die roten Sohlen, der Designer hat die Macht über dieses Designelement und damit das Recht auf Eigentum. Warum haben indigene Völker nicht dasselbe Recht? (6) 

Der zu Beginn geschilderte Fall von Isabel Marant ist nur ein Beispiel von kultureller Aneignung in der Modebranche. Diese Angelegenheit wurde ausschließlich zwischen der Marke Marant und der Kulturabteilung der mexikanischen Regierung, und somit nicht vor Gericht geklärt. Der Fall fällt nicht unter das Urheberrecht. Fälle von kultureller Aneignung liegen in der Regel außerhalb des Bereichs des Gesetztes, da die Designs routinemäßig mit einer bestimmten Gemeinschaft als Ganzes in Verbindung gebracht werden und in den meisten Fällen viele hundert Jahre zurückliegen, was mit der Vorstellung von individueller Urheberschaft/ Eigentum und begrenzter Schutzdauer nicht vereinbar ist. 

Ist es dabei nicht ironisch, dass es marginalisierten Kulturen vor hunderten von Jahren  oft verboten wurde ihre Kultur zu praktizieren und ihre traditionelle Kleidung zu tragen? Heute würden vielleicht eben diese Menschen in ein Einkaufszentrum gehen und Mode, welche von ihrer Kultur stark beeinflusst ist oder sogar ihre Symbole und Muster reproduziert, für hunderte von Euros kaufen können. Ist es nicht traurig, dass das Tragen von Symbolen oder Designs einer unterdrückten Kultur ein Luxus ist, den sich nicht einmal Angehörige dieser Kultur leisten können? 

Kulturelle Aneignung ist klein leichtes Thema, es ist verbunden mit Rasse, Klasse, Geschichte und der Art und Weise, wie wir uns selbst identifizieren. Letzendes ist das wichtigste dabei, bereit sein zu lernen, bereit sein bescheiden zu sein und bereit sein zuzuhören. Sich über seine eigenen Privilegien bewusst werden und die eigenen Einflüsse berücksichtigen und hinterfragen. Bereit sein sich mit einer Kultur auseinanderzusetzten und sie mit dem entsprechenden Respekt zu behandeln. Respekt kann sich darin äussern, dass man sich eben gerade nichts von einer anderen Kultur, die man zu lieben vorgibt, «ausleiht». Den Respekt für jemanden oder etwas zu zeigen, besteht nicht darin, etwas davon zu nehmen. 

Isabel Marant ist in diesem Zusammenhang nicht die einzige Designerin, welche vom mexikanischen Kulturministerium der kulturellen Aneignung beschuldigt wurde. In der Vergangenheit wurde bereist Carolina Herrera und Louis Vuitton beschuldigt, sich traditionelle Drucke für teure Kleidungsstücke und im Fall von Louis Vuitton für Möbel angeeignet zu haben. (7) Es geht nicht nur um einen monetären oder moralischen Schaden. Durch die kulturelle Aneignung werden echte lebende Menschen durch stereotypische Symbole ersetzt. Stereotype reduzieren eine komplexe Kultur per Definition auf ein einziges Symbol. In den Vereinigten Staaten gibt es 566 verschiedene Stämme von amerikanischen Ureinwohnern, jeder hat seine eigenen Bräuche und eigene Kleidung und wir tendieren immer noch dazu den typischen „Indianer Kopfschmuck“ als vereinnahmendes Konzept des „amerikanischen Ureinwohners“ zu betrachten. Durch kulturelle Aneignung wird ein Stereotyp geschaffen, der eine zeitgenössische Kultur und deren Identität auslöscht und alle Ureinwohner zusammen in einen Topf wirft und so eine homogene Gruppe schafft. 

Wie kann es besser gemacht werden? 

Kritik an kultureller Aneignung soll nicht heissen, dass nichts mehr von anderen Kulturen getragen oder verwendet werden sollte. Jedoch sollten andere Kulturen mit dem entsprechenden Respekte behandelt werden. Bevor man im Einkaufszentrum 7CHF für ein billiges Imitat bezahlt, sollte man sich mit dessen Quelle auseinandersetzen. Die Geschichte kennenlernen, sich über den Künstler, die Ursprünge und die Gründe der Verwendung verschiedener Designs informieren. (6)

(1) https://wwd.com/fashion-news/designer-luxury/isabel-marant-apology-mexico-frausto-cultural-appropriation-1234659081/

(2) https://www.oxfordreference.com/view/10.1093/oi/authority.20110803095652789

(3) https://www.duden.de/rechtschreibung/Kultur

(4) https://edoc.unibas.ch/31805/1/BAU_1_006235799.pdf

(5) https://www.zeit.de/kultur/2021-03/kulturelle-aneignung-kunst-musik-rassismus-ausbeutung-kolonialismus-geschichte

(6) https://www.refinery29.com/en-us/cultural-appropriation

(7) https://www.thefashionlaw.com/isabel-marant-cape-draws-claims-of-cultural-appropriation-from-mexican-culture-ministry/

Abb.1 https://modesens.com/product/isabel-marant-etoile-geometric-knit-long-poncho-coat-brown-21992095/